Bei einer schweren Handverletzung zählt jede Minute

    Das Hand-Trauma-Zentrum am Klinikum der Universität München

    Wie wichtig unsere Hände für das täg­liche Leben sind, merken wir oft erst, wenn sie durch eine Verletzung in ihrer Funktion eingeschränkt sind. Häufig ist in diesem Fall eine Operation notwendig. Diese sollte ausschließlich Spezialisten vorbehalten sein.

    von Dr. Nicole Schaenzler

    Handchirurgische Eingriffe erfordern viel­fäl­tiges anatomisches Wissen und großes ­chirurgisches Geschick – schließlich geht es um die Erhaltung oder Wiederherstellung feingliedriger Funktionalität, oftmals verknüpft mit hohen ästhetischen Anforderungen. Viele verschiedene chirurgische Techniken von der Knochenbruchbehandlung bis hin zur Mikrochirurgie müssen beherrscht werden. Diesem Thema widmete sich Mitte November das zweite »Munich Hand Symposium«, zu dem das Hand-Trauma-Zentrum München am Klinikum der Universität München namhafte Experte aus dem In- und Ausland geladen hatte. TOPFIT sprach mit dem Chefarzt der Handchirurgie, Plastischen Chirurgie und Ästhetischen Chirurgie am Klinikum der LMU Prof. Dr. Riccardo Giunta u. a. darüber, welche Verletzungen an Hand und Finger besonders häufig vorkommen – und wie man sich davor schützen kann.

    Herr Prof. Giunta, die Handchirurgie gehört zu den besonders anspruchs­vollen Disziplinen der operativen Medizin. Was sind hierbei die Herausforderungen?

    Prof. Giunta: Für eine vollständige Handfunktion müssen viele verschiedene Gewebetypen wie Knochen, Bänder, Sehnen, Nerven, Gefäße und Haut sehr gut miteinander funktionieren. Jeder Gewebetyp stellt dabei spezielle Ansprüche an den Chirurgen. Diese reichen von vergleichsweise gröberen Verfahren für Knochen und Sehnen bis hin zu superfeinen mikrochirurgischen Techniken für Gefäße und Nerven. Nur wenn jedes Gewebe bestmöglich behandelt wird, kann die Handfunktion wieder hergestellt werden.

    Welche Handverletzungen kommen besonders oft vor?

    Prof. Giunta: Bei kleineren Verletzungen sind Schnittverletzungen mit dem Küchenmesser oder z. B. an Blechkanten mit Nerven und Sehnendurchtrennungen sehr häufig. Sportverletzungen betreffen entweder das Handgelenk oder seinen Bandapparat. Schwere Verletzungen der Hand entstehen durch Holzspalter, Kreissägen und andere Maschinen.

    Können Handverletzungen auch ambulant operiert werden?

    Prof. Giunta: Kleine Verletzungen, die z.  B. nur den Hautmantel betreffen, können ambulant operiert werden. Hierfür bietet unser ambulantes OP-Zentrum als eines der modernsten Operationszentren Europas viele neue technische Möglichkeiten, die wir gerade in der Handchirurgie und Plastischen Chirurgie hervorragend nutzen können. Schwere Verletzungen müssen in der Regel stationär behandelt werden, auch um postoperative Schmerzen ausreichend zu behandeln und die oft komplexe Nachbehandlung frühzeitig in die richtige Richtung zu bringen.

    Vor allem, wenn ein Teil der Hand abgetrennt wurde, zählt jede Minute. Wie gut sind in diesem Fall die Aussichten auf eine vollständige Heilung?

    Prof. Giunta: Bei Amputationsverletzungen ohne größere Gewebezerstörungen bestehen sehr gute Aussichten auf eine Wiederherstellung der Handfunktion. Verletzungen durch Quetschungen oder auch mit Maschinen wie Häckselgeräten verursachen ausgedehnte Zerstörungen, die meist keine vollständige Wiederherstellung ermöglichen. Aber auch hier lassen sich oft zumindest die Basisfunktionen der Hand wiederherstellen.

    Auf dem von Ihnen Mitte November initiierten »Munich Hand Symposium« wurde u. a. die Bedeutung eines Hand-Trauma-Zentrums besonders hervorgehoben. Wodurch zeichnet sich ein solches Zentrum aus?

    Prof. Giunta: Ein Hand-Trauma-Zentrum ist nach den Regeln der Europäischen Gesellschaft für Handchirurgie (FESSH) validiert. Es besteht 24 Stunden am Tag eine Rund-um-die-Uhr-Bereitschaft von mikrochirurgisch versierten Fachärzten, die viel Erfahrung mit schweren, komplexen Verletzungen haben und geübt darin sind, feinste Gefäße und Nerven wieder zu verbinden. Dazu gehört auch, eine angemessene handtherapeutische Nachbehandlung zu initiieren und zu überwachen.

    Wie verhält man sich bei einer schweren Handverletzung richtig?

    Prof. Giunta: Als Erstes sollte ein Notruf veranlasst werden. Das nächstgelegene Hand- Trauma-Zentrum findet man z. B. auf www. handverletzung.com. Anschließend sollte durch den Ersthelfer eine sterile Wundabdeckung mit einem Wundverband erfolgen. Bei starken Blutungen ist ein Druckverband nötig. Amputierte Körperteile sollten steril und trocken in einem Beutel verpackt werden. Dieser wird in einen Beutel mit Eiswasser gegeben. Detaillierte Informationen findet man ebenfalls auf der o.  g. Website. Hier ist auch ein entsprechender Download mit einem Informationsblatt zu den Erstversorgungsmaßnahmen für Betroffene abrufbar.

    Gibt es Möglichkeiten, sich vor einer Handverletzung zu schützen?

    Prof. Giunta: Die Prävention von Handverletzungen spielt eine immer größere Rolle, da durch Handverletzungen oft große Schäden durch Arbeitsunfähigkeit, Berufswechsel und Berentung für die Kostenträger resultieren können. Die Handchirurgie engagiert sich daher seit Jahren für eine Prävention von Handverletzungen u. a. durch Öffentlichkeitsarbeit und direkte Kommunikation der Gefahren (www.handverletzung.com).

    Kontakt

    Campus Innenstadt und Großhadern der Ludwig-Maximilians Universität München  
    Pettenkoferstraße 8a, 80336 München, Tel.: 089 / 44 00 52697
    Prof. Dr. Riccardo Giunta
    Chefarzt der Handchirurgie, Plastischen Chirurgie und Ästhetischen Chirurgie
    E-Mail: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

    Nähere Infos: www.handchirurgie-münchen.com

     

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