Alternativen zur "Pille"

    Vor- und Nachteile von Hormonen

    Lange ein Tabu, heute ein Lebensstil: das Thema Verhütung. Auf Platz eins der beliebtesten Methoden steht seit vielen Jahren ungeschlagen die Antibabypille, oder kurz die »Pille«. Dennoch ist seit einiger Zeit eine andere Tendenz deutlich zu spüren: weg von einem hormonellen Eingriff hin zu einem bewussten, natürlichen Körpergefühl. Doch wie ist es wirklich? Was sind die Vorteile und was die Nachteile der hormonellen Präparate? Und vor allem welche Alternativen gibt es?

    von Helena Schwinghammer

    Seit 1960 gibt es die Antibabypille – seither ist sie sowohl gefeiert als auch umstritten. Mit ihr entbrannte eine noch nie zuvor gehörte Debatte über Verhütung und Sex: Für ihre Anhänger(innen) war sie das Sinnbild der selbstbestimmten, emanzipierten Frau, während ihre Gegner durch sie das Ende der menschlichen Fortpflanzung besiegelt sahen. Jetzt, fast 60 Jahre später, muss festgehalten werden, dass wohl beide Parteien Unrecht hatten. Der gefürchtete Pillenknick in unserer Bevölkerungspyramide kam, jedoch fiel er sehr viel gemäßigter aus, als zunächst angenommen. Auch die Frauenbewegung fand ihren Platz in der Geschichte, nur dass dies eine kurzfristige und wohl eher indirekte Folge der »Pille« war. Heute ist die »Pille« immer noch umstritten, allerdings finden (abgesehen von der katholischen Kirche, die weiter an ihrer veralteten Position festhält) sowohl Befürworter als auch Gegner mittlerweile andere Argumente. Ein paar dieser Argumente sollen im Folgenden vorgestellt werden.

    Kein Eisprung, keine Schwangerschaft

    Auch heute noch nutzen mehr als die Hälfte aller verhütenden, erwachsenen Frauen die Antibabypille. Bei den Frauen zwischen 18 und 20 Jahren sind es sogar 80 Prozent. Das Prinzip der Pille ist relativ einfach: Kein Eisprung, keine Schwangerschaft. Die Präparate müssen also dafür sorgen, dass der Eisprung, der (normalerweise) einmal im Monat um den 14. Zyklustag stattfindet, unterdrückt wird. Während einer Schwangerschaft beispielsweise bewirken das die beiden körpereigenen Hormone Östrogen und Gestagen. Wobei das Östrogen nicht zwingend notwendig für die Empfängnisverhütung ist und die Wirkung des Gestagens nur unterstützt. Diese Wirkung versucht sich auch die Antibabypille zunutze zu machen. Oral werden so dem Körper die synthetischen Hormone zugeführt, der Hormonspiegel steigt künstlich an, und der Eisprung wird verhindert. Eine Ausnahme ist die »Minipille«, die ohne Östrogen auskommt und nicht den Eisprung unterdrückt. Denn zeitgleich zur Eisprungunterdrückung verdickt sich der Gebärmutterschleim (Zervixschleim), sodass idealerweise keine Spermien mehr in den »gefährlichen« Bereich gelangen. Damit sich der Schleim tatsächlich so sehr verdichten kann, dass er alle Spermien abfängt, muss die Minipille sehr regelmäßig eingenommen werden, was sie deutlich unsicherer als die »normale« Pille macht. Beide Präparate, die konventionellen wie die östrogenlosen, müssen täglich möglichst zur gleichen Uhrzeit eingenommen werden, damit die Hormonkonzentration nicht ins Schwanken gerät und sich der Schutz nicht vermindert. Ob die Pille durchgenommen wird, d. h. ob man bei Zyklusbeginn eine Einnahmepause macht, in der dann die »Abbruchblutung« einsetzen kann oder nicht, hängt von der eigenen Konstitution und der Wahl des Präparats ab. Bei optimaler Einnahme, d. h. ohne zeitliche Unregelmäßigkeiten und ohne den Einfluss hemmender Medikamente wie Antibiotika, gilt diese Methode als relativ sicher (bewusst wird hier nicht der Pearl-Index zitiert, da in die errechneten Werte auch Schwangerschaften, die durch falsche Anwendung entstanden sind, einfließen).

    Fehlende Aufklärung

    Die (theoretische) Sicherheit der »Pille« ist vermutlich einer der Gründe, weshalb vor allem viele junge Frauen weiterhin auf diese Art der Kontrazeption zurückgreifen. Ein anderer Grund könnte aber auch die medizinische Aufklärung sein, die leider immer noch in vielen gynäkologischen Praxen und auch durch die Pharmaindustrie äußerst mangelhaft betrieben wird. Häufig ist diesen Mädchen und jungen Frauen nämlich nicht bewusst, welche weitreichenden Veränderungen durch den »neuen« Hormonhaushalt und den ausbleibenden Eisprung entstehen können. Die meisten Frauenärzte verweisen zwar auf einige mögliche allgemein-bekannte Nebenwirkungen wie Migräne, Übelkeit oder ein erhöhtes Thromboserisiko hin, jedoch wird kaum vermittelt, dass sich häufig auch deutlich unauffälligere, aber keineswegs ungefährlichere Veränderungen einstellen können. Gerade diese »dezenteren« Symptome sind von Frau zu Frau sehr unterschiedlich und deshalb schwer zu kategorisieren. Manche kämpfen mit schwerwiegenden psychischen Problemen wie Depressionen, während andere vielleicht nur eine leicht zu ignorierende Appetitlosigkeit oder einen Libidoverlust bemerken. Gerade diese »weichen« Faktoren sind wissenschaftlich schwer nachzuweisen, weshalb sie in der Regel ignoriert oder sogar bewusst verschwiegen werden, wenn sich junge Frauen das erste Mal mit dem Thema beschäftigen. Inwieweit die hormonelle Verhütung den weiblichen Kinderwunsch selbst (explizit »nur« den Wunsch, nicht die eigentliche Fertilität) negativ beeinflusst – darüber könnte hier lediglich spekuliert werden, da es keine entsprechenden Studien gibt.

    Die Alternativen

    Fest steht, dass schon allein die Unterdrückung des Eisprungs ein enormer Eingriff in den weiblichen Körper darstellt. Dessen müssen sich Frauen unbedingt bewusst sein, bevor sie sich einer hormonellen Behandlung unterziehen. Außerdem sollten gerade junge Mädchen nicht nur »die Packungsbeilage lesen oder ihren Arzt oder Apotheker fragen«, sondern einer weitreichenden Aufklärungskampagne unterzogen werden, die sowohl die Vor- als auch die Nachteile in den Blick nimmt. Und zu guter Letzt sollten auch Männer stärker in die Pflicht genommen werden, denn Verhütung ist nicht nur »Frauensache«. Stellt sich die Frage, welche Alternativen es denn gibt, wenn sich eine Frau oder besser: ein Paar gegen die »Pille« entscheidet. Um es gleich vorweg zu sagen: Viele! Im Folgenden soll allerdings explizit nicht auf andere hormonelle Methoden, etwa die Hormonspirale, eingegangen werden, da auch hier das synthetische Gestagen direkt in den Gebärmutterschleim abgegeben wird. Stattdessen richtet sich der Blick auf die drei beliebtesten hormonfreien Verhütungsmethoden.

    Der Klassiker: das Kondom

    Gerade weil es ein Klassiker ist, gilt das Kondom als unzuverlässig und wird häufig nur als zusätzlicher Schutz verwendet. Das aus Latex bestehende Präservativ wird jedoch unterschätzt. Richtig angewendet, bietet es durchaus einen guten Schutz gegen eine ungewollte Schwangerschaft und vor allem gegen Infektionskrankheiten. Tatsächlich hapert es relativ häufig daran, dass sich Anwender vor dem Kauf eines Kondoms nicht genügend informieren. Denn entscheidend sind nicht nur Marke und Material, auch die Größe und die Form können ausschlaggebend für die Sicherheit dieser Verhütungsmethode sein. Männer und Paare sollten deshalb unbedingt verschiedene Größen und Formen ausprobieren, um das (im wahrsten Sinn des Wortes) passende Präservativ zu finden.

    Die Kraft der Ionen

    Kupferspirale und Kupferkette werden durch den Frauenarzt in die Gebärmutter eingesetzt. Die Kupferionen hemmen die Aktivität der Spermien, der Fremdkörper sorgt dafür, dass sich kein befruchtetes Ei in der Gebärmutter einnisten kann. Damit bieten diese Kontrazeptiva eine sehr große Sicherheit, und die Anwenderin muss sich, außer der halbjährlichen Kon­trolluntersuchung (einer Prüfung, ob Kette bzw. Spirale noch an ihrem Platz sitzen) die nächsten fünf bis zehn Jahre nicht mehr um ihre Verhütung kümmern. Darüber hinaus bleibt der natürliche Zyklus bestehen, und frau muss nicht mit hormonellen Veränderungen rechnen. Ein entscheidender Nachteil dieser Methode ist, dass ein Fremdkörper in den Körper eingesetzt werden muss, der dann auch, wenn alles gut geht, jahrelang an Ort und Stelle verbleibt. Viele Frauen empfinden das Einsetzen als schmerzhaft, hier verschaffen Schmerzmittel und Lokalanästhetika jedoch Linderung. Außerdem kann der Fremdkörper die Regelblutung verstärken und Zwischenblutungen hervorrufen – dies kann andererseits aber auch auf ein Verrutschen der Kette bzw. Spirale hindeuten. Ein weiterer Nachteil sind die Kosten: Zwischen 200 und 300 Euro kostet die Beratung, das Einsetzen und eine Nachuntersuchung.

    Natur pur: Symptothermal-Methode

    Für die Symptothermal-Methode braucht frau lediglich ein Thermometer und ein Blatt Papier. Doch natürlich gibt es mittlerweile auch eine große Auswahl an Apps und sogar eigene Computer, die man zur leichteren Handhabung hinzuziehen kann. Das Prinzip besteht darin, den natürlichen Zyklus und den Eisprung so zu lassen, wie er ist, und gänzlich auf klassische Kontrazeptiva zu verzichten. Stattdessen geht es darum, anhand verschiedener Faktoren möglichst genau den Zeitpunkt der fruchtbaren und der unfruchtbaren Tage zu bestimmen. Tatsächlich ist frau nur fünf bis sechs Tage im Zyklus fruchtbar, nämlich in der Zeit um den Eisprung. In dieser Phase verändert sich der Zervixschleim: Er wird klar, flüssig und zieht Fäden. Außerdem öffnet sich der Muttermund etwas und wird tastbar weicher. Um es dem befruchteten Ei so angenehm wie möglich zu machen, steigt die Temperatur nach dem Eisprung um etwa 0,2 Grad an. Dies lässt sich feststellen, indem regelmäßig (in den ersten Zyklen am besten noch jeden Tag, danach kann diese Regel etwas gelockert werden) die Basaltemperatur gemessen wird. Das ist die Temperatur, die der Körper direkt nach dem Aufwachen hat. Misst frau also jeden Morgen zur etwa gleichen Zeit kurz vor dem Aufstehen mit einem zweistelligen Thermometer ihre Temperatur und trägt die Werte in ein Diagramm ein, erkennt sie am Ende des Zyklus in der Zeit des Eisprungs einen merkbaren Anstieg der sich ergebenden Kurve. Werden diese Erkenntnisse mit der Beobachtung des Schleims und am besten auch noch mit der Ertastung des Muttermunds kombiniert, ist diese Methode ähnlich sicher wie die »Pille«. Allerdings: Diese Verhütungsmethode beruht auf Abstinenz während der fruchtbaren Tage. Zudem erfordert die Methode nicht nur einiges an Selbstdisziplin, sondern auch das Interesse, sich mit dem eigenen Körper auseinanderzusetzen. Darüber hinaus wird frau ein paar Probemonate und jede Menge Einlesezeit brauchen, bis sie genügend Sicherheit in dieser Methode gefunden hat. Bis dahin sollte zusätzlich mit Kondom verhütet werden. Auf der anderen Seite bleibt der Zyklus unberührt, und es gibt garantiert keine Nebenwirkungen. Hier passt die Frau ihr Sexualleben also an ihren Körper an und nicht, wie mit der »Pille«, ihren Körper an ihr Sexualleben. Wenn das nicht weibliche Selbstbestimmung ist . . .

     

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