Folge 4: Zeit für den Grippeimpfschutz

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Corona-Pandemie, Folge 4, September 2020

Der erste Herbst, in dem wir uns mit Influenza- UND mit SARS-CoV-2-Viren anstecken können — und das erste Mal, dass den Empfehlungen der STIKO widersprochen wird. Was deutlich macht: In Zeiten von Corona spielt die Entscheidung für oder gegen eine Grippeschutzimpfung eine besonders große Rolle.

Von Dr. Nicole Schaenzler

Zeit für den Grippeschutz

Influenza und Covid-19

Um es gleich vorweg zu sagen: Die Grippe-impfung schützt nur vor Influenza – nicht vor einer Infektion mit dem Coronavirus SARS-CoV-2. Und doch war die Grippeimpfung wohl noch nie so wichtig wie in diesem Jahr. Ein Grund ist, dass es durchaus möglich ist, an beiden Virusinfektionen gleichzeitig zu erkranken. Nicht auszudenken, was das für den Organismus bedeuten könnte. Fakt ist: Die Influenza oder »echte« Grippe, gegen die sich die Impfung richtet, ist wesentlich unangenehmer und gefährlicher als der einfache grippale Infekt. Denn die Influenzaviren befallen nicht nur die Schleimhautzellen in den Atemwegen, sondern sie verursachen auch eine vorübergehende Abwehrschwäche. Dadurch kann es zu schweren Komplikationen kommen, allen voran zu einer Lungenentzündung, die entweder durch die Influenzaviren selbst oder durch eine bakterielle Superinfektion verursacht wird – und die dann oft eine Behandlung auf der Intensivstation nach sich zieht, weil sie tödlich verlaufen kann. Und: Influenza ist hoch ansteckend (wenn auch weniger ansteckend als Covid-19). Die stärkste Grippewelle seit 30 Jahren ist noch gar nicht lange her: Nach Schätzungen des Robert Koch-Instituts forderte die Influenzawelle 2017/2018 in Deutschland mehr als 25 000 Tote.  

Für Menschen über 60 Jahre und Patienten mit einer Vorerkrankung wie Diabetes, Asthma, einer Herz-Kreislauf-Erkrankung oder einer angeborenen bzw. erworbenen Immunschwäche kann die »echte« Grippe besonders gefährlich werden – das ist im Übrigen auch genau die Gruppe, die ein erhöhtes Risiko für einen schweren Verlauf von Covid-19 hat. Ihnen empfiehlt die Ständige Impfkommission am Robert Koch-Institut (STIKO) – ebenso wie Schwangeren (ab dem zweiten Schwangerschaftsdrittel) – eine Schutzimpfung gegen Influenza. Aber auch Bewohner von Alters- und Pflegeheimen oder Personen, die in Arztpraxen, Kliniken und anderen Gesundheitseinrichtungen arbeiten, sollten sich laut STIKO impfen lassen.

Leiser Widerspruch gegen die STIKO

Gleichwohl ist dieses Jahr einiges anders als sonst. Denn erstmals mehren sich Stimmen, die von den normalerweise unantastbaren Empfehlungen der STIKO abweichen und die Grippeimpfung auch Bevölkerungsgruppen nahelegen, die keine Vorerkrankungen haben oder aufgrund ihres Alters zu einer Risikogruppe gehören. Nicht wenige Ärzte und Politiker – allen voran Bundesgesundheitsminister Jens Spahn – plädieren nämlich dafür, dass sich in dieser Saison hierzulande generell möglichst viele Menschen impfen lassen sollten: Kinder ohne Vorerkrankungen ebenso wie gesunde Erwachsene, die jünger als 60 Jahre alt sind. Dahinter steckt nicht zuletzt die Befürchtung, dass unser Gesundheitssystem durch eine größere Grippewelle in Pandemie-Zeiten erheblich überfordert werden könnte und dann nicht mehr gewährleistet ist, dass alle schwer erkrankten Covid-19-Patienten die notwendige intensivmedizinische Behandlung erhalten.

Ob es wirklich dazu kommt, vermag – Stand jetzt –  niemand zu sagen. Aber dass die STIKO an ihrer Empfehlung festhält, hat wohl auch einen rein pragmatischen Grund: Es steht womöglich schlichtweg nicht genug Impfstoff zur Verfügung, um große Teile der Bevölkerung damit versorgen zu können – auch wenn der Bund in diesem Jahr wegen der Pandemie schon deutlich mehr bestellt hat als sonst, sodass insgesamt ca. 25 Millionen Impfdosen zur Verfügung stehen. 

Ob das reicht? Letztlich kommt es ganz darauf an, wie viele Menschen sich tatsächlich impfen lassen werden. In den letzten Jahren blieb die Zahl der Grippeimpfungen jedenfalls weit hinter der von der RKI erhofften Impfrate zurück. In Zeiten von Corona wäre es jedoch bestimmt nicht verkehrt, wenn sich in dieser Saison deutlich mehr Menschen dazu entschließen würden, sich gegen die Grippe impfen zu lasssen.

Grippeschutzimpfung – das sollten Sie wissen!

Warum ist die Gefahr, sich eine Influenzainfektion zuzuziehen, in den Herbst- und Wintermonaten besonders groß?

Das hat mehrere Gründe: Zum einen können sich die Viren in der kalten Jahreszeit, wenn die Luftfeuchtigkeit gering ist und die Temperaturen niedrig sind, besonders schnell verbreiten. Zum anderen trocknet die Heizungsluft die Schleimhäute aus und macht sie damit anfällig für einen Befall mit Viren. Begünstigend kommt hinzu, dass durch die niedrigen Außentemperaturen und den Mangel an immunstimulierendem Sonnenlicht die Funktionsfähigkeit des Immunsystems leicht herabgesetzt ist. Der enge Kontakt in geschlossenen Räumen erleichtert zudem in der kalten Jahreszeit die Übertragung. Aus den gleichen Gründen befürchten Virologen übrigens auch, dass die Corona-Pandemie hierzulande in den kälteren Jahreszeiten wieder an Fahrt aufnehmen könnte.

Weshalb ist jedes Jahr eine erneute Grippe-impfung nötig?

Influenzaviren können leicht ihre Oberfläche verändern. Zudem gibt es verschiedene Virenstämme, die sich in einem Jahr unterschiedlich stark ausbreiten können. Dabei gilt das weltweit verbreitete Influenza-Virus vom Typ A als besonders gefährlich. Für jede Grippesaison muss daher ein spezieller Impfstoff hergestellt werden. Welche Zusammensetzung für die jeweils aktuelle Saison infrage kommt, wird im Frühjahr von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) festgelegt, die die Aktivität der Influenzaviren weltweit überwacht. Nach den Vorgaben der WHO produzieren die Impfhersteller dann die saisonalen Winterimpfstoffe. Auch in dieser Saison weicht die Stammzusammensetzung von der für die Saison 2019/2020 ab.

Wann ist der beste Zeitpunkt für eine Grippeimpfung? 

Das Robert Koch-Institut (RKI) empfiehlt als optimalen Zeitpunkt für die saisonale Grippe-impfung die Monate Oktober und November. Der Grund: Der Impfschutz hält nur eine Weile an. Deshalb kann sowohl eine zu frühe Impfung als auch eine zu späte den Schutz vor einer Grippeinfektion verringern. Zudem dauert es in der Regel zwei Wochen, bis sich nach der Impfung eine ausreichende Immunität aufgebaut hat. Mit dem empfohlenen Impfzeitraum will das RKI auf Nummer sicher gehen, dass der Impfschutz zum Höhepunkt der Grippewelle am besten ist.

Ist die Impfung gut verträglich?

Die Grippeschutzimpfung wird in den allermeisten Fällen gut vertragen. Allerdings können vereinzelt Beschwerden an der Einstichstelle auftreten. In ein bis zehn Prozent der Fälle treten zudem grippeähnliche Symptome auf. Diese sind jedoch vorübergehend und klingen im Allgemeinen 24 bis 48 Stunden nach der Impfung wieder ab.

Besteht die Gefahr einer »Überimmunisierung«, wenn ich mich jedes Jahr gegen Grippe impfen lassen?

Nein, schon deshalb nicht, weil es sich in der Regel immer um einen etwas anderen Impfstoff handelt. Es liegen auch keine Hinweise vor, wonach eine regelmäßig vorgenommene Grip-peimpfung das Risiko für unerwünschte Nebenwirkungen erhöht oder diese dadurch ausgeprägter auftreten. 

Ist eine Grippeimpfung bei Kindern ähnlich wirksam wie bei Erwachsenen?

Es gibt Hinweise, dass die Wirksamkeit der herkömmlichen Grippeimpfung bei Kindern um einiges schlechter ist als bei Erwachsenen; mitunter ist sogar von einer 10- bis 15-prozentig verringerten Schutzwirkung die Rede. Inzwischen steht jedoch ein Influenza-Lebendimpfstoff zur Verfügung, der wegen seiner besseren Wirksamkeit bei Kindern im Alter von 2 bis 6 Jahren bevorzugt verwendet werden sollte.

Ich bin gegen Hühnereiweiß allergisch. Gibt es einen Grippeimpfstoff, der trotzdem für mich infrage kommt?

Der Grippeimpfstoff kann Spuren von Hühnereiweiß enthalten. Ist eine schwerwiegende Hühnereiweißallergie (z. B. Anaphylaxie) bekannt, sollte man mit dem Arzt besprechen, ob eine Impfung mit einem solchen Impfstoff infrage kommt.  

Kann ich selbst entscheiden, ob ich mich  impfen lassen möchte?

Generell steht es jedem frei, sich gegen Influenza impfen zu lassen. Regelmäßige Impfungen haben jedoch einen Vorteil, wie Studien nahelegen: Wer sich als Erwachsener jedes Jahr gegen Influenza impfen lässt, den schützt die Impfung besser. 

Schützt eine Grippeimpfung auch gegen Erkältungen?

Nein, sie schützt nur vor einer Erkrankung durch Influenzaviren, nicht vor einem grippalen Infekt, der durch andere Erreger hervorgerufen wird. Meist handelt es sich bei einer »Erkältung« um virusbedingte Infekte, für die mehr als 200 verschiedene Erkältungsviren und ihre Subtypen infrage kommen (siehe auch Seite 24f.).

Könnte die Grippewelle durch das Tragen von Masken gebremst werden, die wir derzeit zum Schutz vor einer Infektion mit SARS-CoV-2 tragen?

Tatsächlich spricht einiges dafür, dass die derzeit gültigen Schutzmaßnahmen – Maske tragen, Abstand halten, gründliches Händewaschen, Husten und Niesen in die Armbeuge – auch einen gewissen Schutz vor einer Infek-tion mit Influenzaviren bieten. Experten gehen davon aus, dass schon das abrupte und überraschend frühe Ende der Grippewelle im März wesentlich damit zusammengehangen hat, dass kurz zuvor strikte Kontaktbeschränkungen in Kraft getreten waren. Aber auch andere Atemwegsinfekte könnten in diesem Winter deutlich seltener auftreten. Vollständig ersetzen können die derzeit geltenden Corona-Schutzmaßnahmen die Grippeimpfung jedoch definitiv nicht – insbesondere nicht für Risikogruppen.