Wie unsere Nase uns durchs Leben führt

    Der Geruchssinn

    Immer der Nase nach — das ist eine unserer wichtigsten Lebensstrategien. Umso erstaunlicher, dass wir uns dessen in den seltensten Fällen bewusst sind. Fakt ist jedoch: Wir stehen stark unter dem Einfluss unseres Riechorgans: Es schützt uns vor Gefahren — und kann uns sogar glücklich machen.

    von Dr. Nicole Schaenzler

    Ob wir uns in einem Raum wohl fühlen, in welches Zugabteil wir uns setzen, ob wir uns das frisch gebackene Stück Kuchen gönnen, auch wenn wir eigentlich keinen Hunger haben... Immer wieder treffen wir Entscheidungen, die durch Gerüche beeinflusst werden – und dies meist, ohne es zu wissen. Sogar unsere zwischenmenschlichen Beziehungen werden wesentlich davon bestimmt, welche Informationen uns unser Geruchssinn liefert: Personen, die wir nicht riechen können, können wir tatsächlich in den meisten Fällen nicht leiden, auch dann nicht, wenn wir uns dazu zwingen. 

    Das gilt auch und gerade für die Liebe, wie Evolutionsbiologen herausgefunden haben: Wen wir sympathisch finden, mit wem wir gern Sex hätten bzw. wen wir uns als Gefährten fürs Leben wünschen – tatsächlich wird unsere Partnerwahl nicht allein durch das Aussehen, das gute Gespräch oder das Flirtverhalten, sondern auch durch den Körperduft des anderen mitbestimmt. Dabei hat sich gezeigt, dass die »Duftmarke« des anderen Geschlechts umso angenehmer empfunden wird, je mehr sie sich vom eigenen Körpergeruch unterscheidet. Die Wissenschaftler erklären dieses Phänomen mit Verweis auf den evolutionsbiologischen Nutzen. Denn der Körpergeruch vermittelt auch, welche genetische Ausstattung der potenzielle Partner hat. Und da für die Fortpflanzung eine möglichst große Streuung der Gene erstrebenswert ist, wurden wir von der Natur mit der Fähigkeit ausgestattet, riechen zu können, ob das fremde Genprofil unser eigenes sinnvoll ergänzt oder nicht. Deshalb finden wir ein Gegenüber besonders attraktiv, wenn uns unser Geruchssinn nach Erschnuppern seiner Duftinformationen signalisiert: »Ja, das passt!«

    Von der Nase direkt ins Gehirn 

    Unsere Kaufentscheidungen werden ebenfalls von Gerüchen beeinflusst. Aus diesem Grund werden in vielen Supermärkten und Kaufhäusern bestimmte Düfte zur Förderung der Kauflust versprüht. Und manch eine Firma mischt dem Kunststoff seines Produkts Duftstoffe bei, um so den potenziellen Käufer darin zu bestärken, dieses und nicht das Produkt der Konkurrenz zu erwerben. Den Tricks des »Duftmarketings« sind wir im Prinzip wehrlos ausgeliefert. Denn die Duftmoleküle, die mit der Atemluft in die Nase gelangen, docken umgehend an die rund 350 Rezeptoren der 20 bis 30 Millionen Riechzellen an, die sich in der Schleimhaut befinden – ein jedes davon an die speziell passende Andockstelle. Diese Zellgruppen werden auch Riech- oder Sinnesepithel genannt. Von dort aus werden sie von den Riechzellen über ihre Fortsätze (Axone) als elektrische Impulse in den Riechkolben (Bulbus olfactorius) weitergeleitet. Hier werden die Signale von einer speziellen Zellansammlung (Glomeruli olfactorii) sortiert und gebündelt, bevor sie weiter an die verschiedenen Gehirnzentren übermittelt werden, um dort nun als Geruch bewusst wahrgenommen zu werden – das alles geschieht in Bruchteilen von Sekunden.Was wir hören, sehen oder fühlen wird im Gehirn erst einmal gefiltert und bewertet, ehe wir reagieren. Anders verhält es sich mit den Duftinformationen, die uns der Geruchssinn übermittelt: Sie gelangen nämlich direkt ins limbische System, das ist die Funktionseinheit des Gehirns, die unsere Emotionen verarbeitet und unsere Triebe lenkt. Damit ist die olfaktorische Wahrnehmung, so der wissenschaftliche Fachbegriff, nicht nur der älteste, sondern auch der unmittelbarste der menschlichen Sinne, der praktisch sofort für ein Gefühl sorgt: Alarmstimmung, wenn es beispielsweise nach Rauch oder ausströmendem Gas riecht, Ekel, wenn der Geruch von einem verdorbenen Lebensmittel ausgeht, aber auch Wohlbehagen und Freude, wenn der wahrgenommene Geruch einem Geruchsmuster entspricht, das unser Gehirn als positiv abgespeichert hat.Das Geruchsgedächtnis wird vor allem in den ersten drei Lebensjahren gebildet. In dieser Zeit sammeln wir die meisten Dufterfahrungen, die vom Gehirn dann auch nicht mehr vergessen werden. Letztlich sind wir jedoch unser ganzes Leben lang offen für neue Düfte. Und es ist durchaus möglich, die Geruchswahrnehmung gezielt zu trainieren. Bis zu 10 000 Düfte können wir unterscheiden – wir müssen sie nur erst einmal mit der Nase erschnuppert haben.

    Der Proust-Effekt

    Und auch das ist eine besondere Eigenschaft des Geruchssinns: Der Hauch eines Dufts, und schon tauchen vor dem inneren Auge überraschend Bilder von vergangenen Ereignissen, Szenarien oder Personen auf. Düfte haben nämlich auch eine Art Ankerfunktion für Erinnerungen – sowohl für schöne als auch für unangenehme. Noch Jahre und sogar Jahrzehnte später kann es sein, dass ein längst vergessen geglaubtes Kindheitserlebnis plötzlich gegenwärtig ist, heraufbeschworen etwa durch den Geruch von gebrannten Mandeln oder, wie der französische Schriftsteller Marcel Proust in seinem Monumentalroman Auf der Suche nach der verlorenen Zeit beschreibt, durch das Aroma einer in Tee getunkten »Madeleine«, einem französischen Kleingebäck. Diese unbewusste Wirkung wird von den Psychologen deshalb auch »Proust-Effekt« genannt, ein Phänomen, das derzeit Gegenstand verschiedener neurowissenschaftlicher Untersuchungen ist. Letztlich kann der Proust-Effekt die unterschiedlichsten Erinnerungen heraufbeschwören: der Duft eines bestimmten Parfüms, der uns an eine verflossene Liebe denken lässt, der strenge Geruch auf dem Fischmarkt, der an das Muschelsuchen am Strand während eines lange zurückliegenden Urlaubs erinnert, oder der Duft von gemähtem Gras, der in uns das schöne Gefühl von Zufriedenheit und Glück aufkommen lässt, weil wir früher noch die Zeit hatten, regelmäßig spazieren zu gehen. Es ist aber auch möglich, dass wir uns an etwas erinnern – und plötzlich nehmen wir imaginär einen ganz bestimmten Duft wahr.

    Das Dufterlebnis ist individuell verschieden

    Die Bewertung des Geruchs ist individuell: Was den einen betört, kann ein anderer als abstoßend empfinden. Inzwischen sind sich die Forscher sicher, dass die Vorliebe oder Abneigung gegenüber einem Geruch erlernt und nicht angeboren ist. Dieser Lernprozess beginnt bereits im Mutterleib, denn schon Ungeborene können im Fruchtwasser Gerüche wahrnehmen. Wie eine Studie gezeigt hat, mögen etwa Kinder von Müttern, die während der Schwangerschaft viel Anistee getrunken haben, Anisgeruch lieber als andere – und sie bleiben dann für den Rest ihres Lebens auch dabei. Doch es gibt auch einige Gerüche, die bei vielen von uns ganz ähnliche Vorstellungen oder Emotionen hervorrufen; dies ist vermutlich kulturell bedingt. So ist etwa für die meisten von uns der betörende Duft einer Rose oder der schwere, süßlich-fruchtige Duft von Jasmin ein sinnliches Erlebnis, das umgehend für einen Gute-Laune-Schub sorgt. Auch für die entspannende Wirkung des intensiven Aromas von Lavendel sind viele von uns empfänglich. Die verschiedenen anregenden, leistungssteigernden, beruhigenden oder harmonisierenden Eigenschaften der duftenden Öle macht sich die Aromatherapie zunutze, die sie zu therapeutischen Zwecken einsetzt. Lange Zeit galt der Einsatz von Aromaölen hierzulande vor allem als Wellness- bzw. als alternativmedizinische Maßnahme. Inzwischen wird die Aromatherapie jedoch immer häufiger auch in der Schulmedizin, etwa in der Geburtshilfe, der Palliativmedizin oder in Zahnarztpraxen, zur therapeutischen Unterstützung angewendet. Zugleich wächst das Interesse der Forscher an den nach wie vor nicht vollständig geklärten Wirkmechanismen der Aromatherapie und am möglicherweise heilenden Potenzial der duftenden Aromaöle. Welcher Duft im Einzelfall letztendlich aromatherapeutisch wirkt, entscheidet jedoch die Nase: Wer beispielsweise durch den Geruch von Lavendel an die strenge Klassenlehrerin seiner Grundschulzeit erinnert wird, der wird auch beim feinsten Lavendel nicht in den Genuss der wohligen Entspannung kommen.

    Wenn das Riechen beeinträchtigt ist

    Hyposmie und Anosmie – so lauten die medizinischen Fachbegriffe für ein vermindertes Riechvermögens bzw. einen vollständigen Verlust der Riechfähigkeit. Wie viele Menschen in Deutschland betroffen sind, ist nicht genau bekannt. Experten gehen jedoch davon aus, dass mindestens fünf Prozent der Bevölkerung kaum oder gar nicht mehr riechen können. Die Einschränkungen infolge einer Riechstörung lassen sich zwar nicht mit denen infolge einer Erblindung oder einer Gehörlosigkeit vergleichen. Dennoch beeinträchtigt es die Lebensqualität erheblich, wenn die Nase ihren Dienst versagt. Es kann sogar gefährlich werden, wenn das Warnsystem »Geruchsempfindung« außer Kraft gesetzt ist, etwa wenn Brandgeruch oder der unangenehme Geruch eines verdorbenen Lebensmittels nicht mehr wahrgenommen werden können.

     

    Nachgefragt

    Nicht immer ist es den Ärzten möglich, Menschen mit einer Riechstörung zur vollständigen Genesung zu verhelfen. »Die Prognose hängt vor allem von der Ursache ab«, erläutert Prof. Martin Canis, Inhaber des Lehrstuhls für Hals-Nasen-Ohrenheilkunde an der Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU) und Direktor der Klinik und Poliklinik für Hals-Nasen-Ohrenheilkunde am Klinikum der LMU mit den beiden Standorten Großhadern und Innenstadt.Nicht immer ist es den Ärzten möglich, Menschen mit einer Riechstörung zur vollständigen Genesung zu verhelfen. »Die Prognose hängt vor allem von der Ursache ab«, erläutert Prof. Martin Canis, Inhaber des Lehrstuhls für Hals-Nasen-Ohrenheilkunde an der Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU) und Direktor der Klinik und Poliklinik für Hals-Nasen-Ohrenheilkunde am Klinikum der LMU mit den beiden Standorten Großhadern und Innenstadt.

    Herr Prof. Canis, was sind die häufigsten Ursachen für eine Riechstörung?

    Prof. Canis: Häufige Ursachen einer Riechstörung sind virale Entzündungen der Nase, hervorgerufen beispielsweise durch Grippeviren. Ebenso können Polypen in der Nase den Riechsinn beeinträchtigen. In diesem Fall verhindern gutartige Schleimhautwucherungen, dass die Riechstoffe zum Sinnes­epithel gelangen. Ein weiterer Grund kann ein Trauma sein, etwa infolge eines Auto­unfalls oder eines Sturzes auf den Kopf. Aber auch neurodegenerative Erkrankungen wie Demenz und Parkinson können zu Riechstörungen führen. In selteneren Fällen ist ein Tumor der Nase oder der Schädelbasis ursächlich für eine Störung der Geruchswahrnehmung verantwortlich.

    Woran kann man selbst im Alltag erkennen, dass man nicht mehr richtig riechen kann?

    Prof. Canis: Betroffene können insbesondere aromatische Stoffe, etwa Kaffee, Parfüm oder bestimmte Gewürze, nicht mehr wahrnehmen. Dagegen gibt es bei den Geschmacksrichtungen süß, sauer, salzig und bitter in der Regel keine Beeinträchtigung, weil diese über die Geschmacksrezeptoren in den Zungenpapillen erfasst werden. Gleiches gilt für Reizstoffe wie Ammoniak, welche über den Trigeminusnerv wahrgenommen werden.

    Wie kann Menschen mit Riechstörungen geholfen werden?

    Prof. Canis: Zunächst sollte eine fachärztliche Untersuchung bei einem HNO-Arzt erfolgen. Zu den diagnostischen Maßnahmen gehören u. a. eine Endoskopie der Nase, ebenso wird eine Riech- und Geschmacksprüfung durchgeführt. Lässt sich auf diese Weise keine eindeutige Ursache ermitteln, sollten im nächsten Schritt bildgebende Verfahren, wie etwa eine Magnetresonanztomographie, zum Einsatz kommen. Die eigentliche Therapie hängt wesentlich von der Ursache ab. Idealerweise ist es möglich, kausal vorzugehen, also beispielsweise Polypen zu entfernen, wenn davon auszugehen ist, dass sie der Grund für die Riechstörung sind. Ansonsten können auch ein Kortison-Nasenspray und andere Medikamente zum Einsatz kommen, mit denen sich die Symptome oft nachhaltig verbessern lassen.

    Kontakt:

    Prof. Dr. med. Martin Canis
    Klinik und Poliklinik für Hals-, Nasen- und Ohrenheil­kunde der Universität München
    Standorte: 
    Großhadern • Marchioninistr. 15 • 81377 München,  Tel.: 089 / 4400-73889 
    Innenstadt • Pettenkoferstraße 4a • 80336 München Tel.: 089 / 4400-53641
    Nähere Infos: www.hno.klinikum.uni-muenchen.de 

     

    Bildnachweis

    Urheber: Irina Ryabushkina / 123rf.com

     

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