Zeckensaison

    Dieses Jahr wird die Zeckendichte, so die Prognose von Experten, kaum weniger gering sein als in den letzten Jahren. Verantwortlich sind mehrere Faktoren — einer davon sind die milderen Winter, die dazu geführt haben, dass die blutsaugenden Parasiten hierzulande immer früher und immer länger aktiv sind.

    Von Dr. Nicole Schaenzler

    Neue Zeckenarten auf dem Vormarsch

    Schon ab wenigen Grad Celsius erwachen Zecken aus der Kältestarre und warten dann in Hecken, Büschen oder in hohem Gras auf die passenden Opfer – auf Katzen und Hunde ebenso wie auf Menschen. Das Problem: Zecken sind nicht nur lästig, sondern sie können auch bestimmte Erreger in sich tragen und so schwere Erkrankungen übertragen. Weltweit werden mehr als 50 Infektionskrankheiten mit Zecken in Verbindung gebracht. In Deutschland spielen derzeit vor allem zwei »Zeckenkrankheiten« eine Rolle: die durch Bakterien ausgelöste Lyme-Borreliose und die virusbedingte Frühsommer-Meningoenzephalitis, kurz FSME. Die Infektion erfolgt über den – in der Regel schmerzlosen und deshalb meist unbemerkten – Stich des Gemeinen Holzbocks (Ixodes ricinus), jene Zeckenart, der man hierzulande mit Abstand am häufigsten begegnet. Inzwischen warnen die Forscher jedoch vor neuen Zeckenarten. So wurde in Auwaldzecken (Dermacentor reticulatus), die in Deutschland erst seit einigen Jahren als frei lebende Populationen nachgewiesen wurden, ebenfalls das FSME-Virus gefunden. Auch andere Zeckenarten, die dabei sind, sich möglicherweise infolge des Klimawandels hierzulande zu etablieren, werden intensiv beobachtet, allen voran Ixodes inopinatus, eine Zeckenart, die bislang ausschließlich im Mittelmeerraum beheimatet war, und die Hyalomma-Zecke, die als »Tropenzecke« oder »Megazecke« für Schlagzeilen gesorgt hat. Tatsächlich ist Hyalomma fünfmal größer als der Gemeine Holzbock, sie hat auffallend geringelte Beine, kann sehr schnell laufen, verfolgt ihre Opfer über weite Strecken – und sie überträgt in ihren Heimatgebieten Afrika, Asien und Südeuropa Krankheiten wie das Krim-Kongo-Fieber oder Fleckfieber, die unbehandelt zum Tod führen können. Ob die neuen Zeckenarten auch FSME und Borreliose übertragen, ist noch unklar. Zudem könnte eine weitere Erkrankung in den nächsten Jahren an Bedeutung gewinnen. Denn inzwischen findet man immer häufiger auch Borrelia miyamotoi in Zecken, die eine fieberhafte Erkrankung, ähnlich den Rückfallfiebern, auslösen können. Das ist eine bakterielle Infektionskrankheit, die noch nicht gut verstanden und vermutlich häufiger ist als bislang angenommen.

    Symptome und Krankheitsverlauf der FSME  

    Die Erreger von FSME – und sehr wahrscheinlich auch die von Borreliose – befinden sich im Speichel der infizierten Zecken und gelangen während des mehrstündigen Saugvorgangs in den Körper des Opfers. Allerdings gibt es Unterschiede: Während eine Infektion mit den Borreliose-Bakterien (Borrelia burgdorferi s.l.) in der Regel erst im Verlauf des Saugvorgangs erfolgt, werden FSME-Viren praktisch sofort mit dem Stich übertragen. Von der Einstichstelle aus gelangen sie über das Blut ins zentrale Nervensystem und lösen dort eine Hirnhautentzündung (Meningitis) aus; bei schweren Verläufen kommt es außerdem zu einer Gehirnentzündung (Enzephalitis). Die Zeit zwischen der Infektion und dem Beginn der Symptome beträgt durchschnittlich zehn bis 14 Tage, gelegentlich zeigen sich erste Beschwerden schon nach vier bzw. erst nach 28 Tagen.

    FSME verläuft in Stadien: Die ersten Anzeichen sind grippeähnliche Symptome, die häufig für eine Sommergrippe gehalten werden; nach etwa einer Woche klingen die Beschwerden ab. In etwa zehn Prozent der Fälle steigt das Fieber jedoch nach einigen Tagen wieder, außerdem leiden Betroffene unter starken Kopfschmerzen und oft auch unter einem steifen Nacken – das gefürchtete zweite Stadium ist eingetreten. Je nach Ausbreitung der Entzündung kommen weitere Symptome wie Bewusstseinsstörungen oder Lähmungen dazu.

    Eine Therapie, die die Krankheitserreger unschädlich macht und damit ursächlich wirkt, gibt es nicht. Deshalb wird symptomatisch mit schmerzlindernden bzw. antiepileptischen Medikamenten behandelt. Fast alle Erkrankten, die das zweite Stadium durchmachen, bedürfen der Einweisung in ein Krankenhaus; bei einer (drohenden) Lähmung der Atemmuskulatur oder wenn schwere Bewusstseinsstörungen vorliegen, ist eine intensivmedizinische Überwachung notwendig. Außerdem muss diese Patientengruppe mit Spätfolgen wie einer Muskelschwäche und sogar Lähmungen rechnen – ein tödlicher Verlauf ist jedoch selten.

    Weniger FSME-Fälle – aber immer noch zu viele

    462 FSME-Fälle wurden dem Robert Koch-Institut (RKI) im vergangenen Jahr übermittelt. Das sind zwar 145 Fälle weniger als 2018, doch von Entwarnung möchten Experten nicht sprechen. Im Gegenteil: Langfristig gehen sie von einem weiteren Anstieg aus – zumal sich die ­FSME übertragenden Zecken, die lange Zeit vor allem in Baden-Württemberg und Bayern beheimatet waren, zunehmend nach Norden ausbreiten (Deutschlandkarte aller Risikogebiete auf www.rki.de). Dem Risiko, an FSME zu erkranken, kann man im Süden Deutschlands praktisch nicht mehr ausweichen. Die Ständige Impfkommission (STIKO) empfiehlt deshalb allen Bewohnern von Risikogebieten und Personen, die in ein solches reisen und dort mit Zecken in Kontakt kommen könnten, sich gegen FSME impfen zu lassen; im Zweifelsfall kann man sich in einem Tropeninstitut beraten lassen.

    Borreliose – vielfältige Beschwerden sind möglich

    Gegen die bakterielle Infektionskrankheit Borreliose gibt es bislang keine Impfung. Mit mehr als 100 000 Infizierten pro Jahr ist sie in Deutschland deutlich häufiger als FSME. Wird die Erkrankung frühzeitig erkannt, heilt eine Antibiotika-Therapie sie zuverlässig. Es kommt jedoch immer wieder vor, dass eine Borreliose unentdeckt bleibt – und dann schwerwiegende Gesundheitsstörungen zur Folge hat. Ist etwa das Nervensystem befallen, kann es zu zeitweiligen Hirnnervenausfällen kommen, die oft eine Gesichtslähmung und andere neurologische Störungen hervorrufen. Auch die Entstehung einer Hirnhaut- oder Rückenmarksentzündung ist möglich; ebenso kann das Herz beteiligt sein. Unbehandelt geht die Erkrankung in das chronische dritte Stadium über: Monate bis Jahre später kommt es zu schmerzhaften Gelenkentzündungen (Lyme-Arthritis) und Störungen des Zentralnervensystems bis hin zur Entwicklung einer chronisch-progressiven Gehirnentzündung. Auch eine Verdünnung und Fältelung der Haut (»Pergamenthaut«) ist zu beobachten.Eine Möglichkeit, sich vor einer Borreliose-Infektion zu schützen, gibt es dennoch: das richtige Verhalten in Zeckengebieten. Wer Zeckenbisse vermeidet und eventuell festgesaugte Zecken schnell entfernt, verringert deutlich das Erkrankungsrisiko. Denn die Borreliose-Erreger werden erst übertragen, wenn die Zecke den Stichkanal vollständig ausgebildet und schon ausreichend Blut getrunken hat. Das ist frühestens nach acht Stunden, durchschnittlich nach zwölf bis 24 Stunden der Fall. 

    Der richtige Schutz

    Auch wenn es einen absoluten Schutz vor Zecken nicht gibt, so kann man durchaus einiges tun, um das Risiko im Freien zu minimieren. An oberster Stelle steht eine sorgfältige Bekleidung, die den Zecken möglichst keinen Hautkontakt erlaubt, also vor allem Hosen mit langen Beinen und Oberteile mit langen Ärmeln. Am besten zieht man sich die Socken über die Hosenbeine, oder man trägt (Gummi-)Stiefel, wenn man in hohem Gras an Waldrändern oder im Gestrüpp unterwegs ist. Auf diese Weise können die Zecken nicht von unten über das Bein nach oben krabbeln. Ansonsten empfiehlt es sich, eine Kopfbedeckung und helle Kleidung zu tragen, da man auf ihr die Zecken besser sieht. Einen gewissen Schutz bieten auch Zeckenschutzmittel (Repellents); allerdings halten sie die Zecken maximal sechs Stunden auf Distanz. Wichtig ist, sich nach einem Wald- oder Wiesenspaziergang, nach der Gartenarbeit oder einer anderen Freizeitbeschäftigung im Grünen sorgfältig auf Zeckenbefall abzusuchen. Vor allem weiche und warme Körperregionen wie Achseln, Leisten und Schambereich, aber auch der Haaransatz am Nacken und hinter den Ohren sollten inspiziert werden – hier saugen Zecken besonders gern. Und weil auch die Katze oder der Hund von Zecken befallen sein können, sollten auch sie regelmäßig abgesucht werden.  

    Eventuelle Infektion abklären lassen

    Wer befürchtet, sich durch einen Zeckenbiss infiziert zu haben, sollte einen Arzt aufsuchen; gegebenenfalls kann die entfernte Zecke zusätzlich von einem spezialisierten Testlabor untersucht werden. Teströhrchen gibt es in der Apotheke, von dort kann die Zecke auch eingeschickt werden. Allerdings: Selbst wenn nachgewiesen wurde, dass die Zecke etwa mit Borrelien-Erreger infiziert ist, lässt dies keine zuverlässigen Rückschlüsse zu, dass der Betroffene sich ebenfalls infiziert hat. Umgekehrt gibt ein negatives Ergebnis nur relative Sicherheit, da die Rate der »falsch negativen« Zecken nicht bekannt ist. Daher sind solche Untersuchungen eigentlich nicht zu empfehlen. 

    Auf jeden Fall muss der Arzt aufgesucht werden, wenn sich eine kreisförmige Rötung um die Zeckenbissstelle gebildet hat, die sich ringförmig nach außen ausbreitet, in der Mitte abblasst und einige Tage großflächig mit deutlichem Randsaum bestehen bleibt. Dieses Erythema migrans, auch »Wanderröte« genannt, tritt bei mehr als 50 Prozent der Borreliose-Erkrankten auf. Auch unklares Fieber und/oder Gelenk- bzw. Muskelschmerzen sollten Anlass für eine ärztliche Untersuchung sein, wenn ein zeitlicher Zusammenhang zu einem Zeckenbiss hergestellt werden kann.

    Weil sich Antikörper im Blut oft erst nach einigen Wochen nachweisen lassen, lässt sich leider nicht sofort feststellen, ob es sich wirklich um eine Borreliose handelt. Deswegen muss das Blut mehrfach kontrolliert werden, bis der Arzt Entwarnung gibt. Übrigens: Ein positiver Test kann auch bedeuten, dass man sich vor langer Zeit angesteckt hat, ohne wirklich krank geworden zu sein.

     

    Schnell handeln, aber nicht quetschen!

    Um das Infektionsrisiko zu minimieren, sollte man eine entdeckte Zecke so schnell wie möglich entfernen.

    • Mit einer feinen Pinzette lässt sich eine saugende Zecke, und zwar möglichst dicht über der Haut, gut packen. Im Handel sind auch spezielle Zeckenzangen erhältlich. 
    • Der Zeckenkörper sollte nicht gequetscht werden — ist die Zecke infiziert, gibt sie auf diese Weise besonders viele Erreger ab.
    • Völlig ungeeignet ist der Einsatz von Klebstoff, Öl, Alkohol oder Nagellack. Im Todeskampf entleeren die Zecken ihren Verdauungstrakt und geben so erst recht Erreger ins menschliche Blut ab.
    • Gelingt es nicht, die Zecke (vollständig) aus der Haut herauszulösen, sollte sie von einem Arzt entfernt werden.

     

    Foto oben: ©  Med-PR, München (Herbert Schwinghammer)

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