Schilddrüsenknoten sind in Deutschland eine sehr häufig auftretende Veränderung. In den allermeisten Fällen sind sie gutartig. Handelt es sich jedoch um Schilddrüsenkrebs, ist der Betroffene am besten in einem spezialisierten Zentrum aufgehoben.   

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    Von Dr. Nicole Schaenzler

    Klein, aber für unseren Organismus unentbehrlich: Die Schilddrüse ist eine der wichtigsten hormonproduzierenden Drüsen im Körper. Dabei beeinflussen ihre Hormone nicht nur organische Vorgänge wie Kreislauf, Verdauung oder Energiestoffwechsel, sondern sie wirken auch auf Gehirnaktivität und Psyche. Eine hormonelle Fehlfunktion wie eine Unter- oder Überfunktion, etwa als Folge einer Autoimmun-erkrankung (Hashimoto-Thyreoiditis, Morbus Basedow), können deshalb eine Vielzahl von gesundheitlichen Beeinträchtigungen im gesamten Körper nach sich ziehen.

    Sorgfältige Abklärung von kalten Knoten

    Es gibt aber auch Veränderungen, die lange Zeit symptomlos bleiben. Dazu gehören zum Beispiel Schilddrüsenknoten, die oft erst ab einer gewissen Größe Beschwerden wie Druckgefühl oder Schluckbeschwerden auslösen. Sie sind im Jodmangelgebiet Deutschland sehr häufig und betreffen mit zunehmendem Alter fast 50 Prozent der Bevölkerung. Sie können überaktiv sein und dabei zu einer Schilddrüsenüberfunktion führen. Wenn die Knoten jedoch kalt sind, kann sich dahinter in seltenen Fällen ein Schilddrüsenkarzinom verbergen. Das Schilddrüsenkarzinom ist zwar der häufigste Krebs endokriner Organe, doch de facto sind weniger als ein Prozent aller Schilddrüsenknoten bösartig. Umso wichtiger ist eine detaillierte Abklärung von Schilddrüsenknoten. Auf diese Weise können nicht nur frühzeitig Schilddrüsenkarzinome entdeckt und rechtzeitig einer adäquaten Therapie zugeführt werden, sondern in den allermeisten Fällen kann auch ein Schilddrüsenkarzinom ausgeschlossen und so unnötige Operationen vermieden werden. 

    Oft unnötige Operationen

    »Leider ist es so, dass in Deutschland Patienten mit Schilddrüsenknoten immer noch häufig zu schnell und ohne detaillierte Abklärung durch einen Schilddrüsenexperten operiert werden. In der überwiegenden Zahl der Fälle kann der Eingriff jedoch durch eine eingehende Untersuchung mittels Ultraschall, Szintigraphie und Feinnadelpunktion vermieden werden«, sagt Frau Prof. Christine Spitzweg, die Oberärztin an der Medizinischen Klinik und Poliklinik IV und Leiterin des Interdisziplinären Schilddrüsenzentrums ist. Außerdem ist Frau Prof. Spitzweg Co-Leiterin des Neuroendokrinen Tumorzentrums (GEPNET-KUM).

    Interdisziplinäre Zusammenarbeit im ISKUM

    Am LMU Klinikum kümmert sich das multidisziplinäre Ärzteteam des Interdisziplinären Schilddrüsenzentrums (ISKUM) um alle Erkrankungen des kleinen und doch so wichtigen Organs. Zur besonderen Expertise des ISKUM gehört die Behandlung von Schilddrüsenkarzinomen. Es gibt verschiedene Typen von Schilddrüsenkrebs, die jeweils von unterschiedlichen Zellen der Schilddrüse ausgehen und nicht alle auf die gleiche Weise behandelt werden. Differenzierte (papilläre und follikuläre) Karzinome kommen am häufigsten vor, wohingegen undifferenzierte (anaplastische) Karzinome sehr viel seltener sind – sie haben leider auch eine deutlich schlechtere Prognose. Das medulläre Schilddrüsenkarzinom ist in etwa 30 Prozent der Fälle genetisch bedingt und ebenfalls selten, aber etwas häufiger als das anaplastische Karzinom. Im Fokus des ISKUM stehen insbesondere die fortgeschrittenen, metastasierten Schilddrüsenkarzinome. Erweist sich ein Schilddrüsenknoten als bösartiger Tumor, ist eine sorgfältige leitlinienbasierte Planung und Umsetzung der Therapiestrategie eine wichtige Voraussetzung für das ärztliche Ziel einer vollständigen Heilung. »Aktuell arbeitet in Deutschland ein interdisziplinäres Expertengremium an der Verfassung neuer Leitlinien für die Diagnostik und Therapie von Schilddrüsenkarzinomen, die sich an internationalen Leitlinien orientieren und ein individualisiertes Therapiekonzept zum Ziel haben. Vertreter des ISKUM sind federführend beteiligt«, erklärt Frau Prof. Spitzweg.  

    Individuelle Therapie

    Patienten aus der ganzen Welt reisen an, um sich im Interdisziplinären Schilddrüsenzentrum am LMU Klinikum in München untersuchen und behandeln zu lassen. »Gerade bei einem Schilddrüsenkarzinom können wir dank neuer diagnostischer und therapeutischer Entwicklungen inzwischen sehr viel gezielter, risikoadaptierter und individualisierter vorgehen«, sagt Frau Prof. Spitzweg. Zusammen mit der Nuklearmedizin arbeitet das Team um Frau Prof. Spitzweg mittels neuer molekular gezielter Therapien an Strategien, um die Radioiodtherapie – als die zentrale systemische Therapie bei metastasierten differenzierten Schilddrüsenkarzinomen – auch bei Patienten wieder zu ermöglichen, deren Tumor aufgehört hat, Radioiod zu speichern. Patienten mit einem anaplastischen Schilddrüsenkarzinom, einem der aggressivsten Tumoren überhaupt und deshalb eine große Herausforderung an das Behandlungsteam, werden in enger Kooperation mit der Radioonkologie behandelt. »Für das medulläre Schilddrüsenkarzinom haben wir sehr früh an der Evaluation ganz neuer zielgerichteter Therapien in enger Zusammenarbeit mit dem Comprehensive Cancer Center mitgewirkt. Diese sogenannten selektiven RET-Inhibitoren revolutionieren die Therapie dieser Patienten,« erläutert Frau Prof. Spitzweg.zielgerichteter Therapien in enger Zusammenarbeit mit dem Comprehensive Cancer Center mitgewirkt. Diese sogenannten selektiven RET-Inhibitoren revolutionieren die Therapie dieser Patienten,« erläutert Frau Prof. Spitzweg.

    Interdisziplinäre Zusammenarbeit ist wichtig

    Insgesamt  profitiert der Patient von der engen interdisziplinären Zusammenarbeit führender Experten verschiedenster Fachrichtungen, die das ISKUM auszeichnet – nicht zuletzt auch durch die Einbindung in das Comprehensive Cancer Center am LMU Klinikum, das ein hervorragendes Zusammenspiel aller Disziplinen wie der Endokrinologie, Nuklearmedizin, Chirurgie, Pathologie, Onkologie, Strahlentherapie und Radiologie in einzigartiger Weise ermöglicht.

     

    Hohe Auszeichnung
    DSC 3581 WebFrau Prof. Spitzweg ist eine weltweit anerkannte Expertin auf ihrem Gebiet. Als erste, nicht in den USA tätige europäische Forscherin erhielt die Internistin, Endokrinologin und Diabetologin 2014 den »Van-Meter-Preis«, der jährlich für herausragende wissenschaftliche Leistungen auf dem Gebiet der Schilddrüse von der amerikanischen Schilddrüsen-Gesellschaft (American Thyroid Association) verliehen wird. Seitdem folgten zahlreiche weitere internationale Auszeichnungen. So wurde sie u. a. als erste Nicht-Amerikanerin in das Direktorengremium der amerikanischen Schilddrüsengesellschaft sowie ganz aktuell als erste Deutsche in das Direktorengremium der International Thyroid Oncology Group gewählt, ein international führendes Expertengremium, das sich für die Entwicklung neuer Therapieansätze für Patienten mit fortgeschrittenen Schilddrüsenkarzinomen einsetzt. Für den Jahreskongress der amerikanischen Schilddrüsengesellschaft im nächsten Jahr in Scottsdale, Arizona, wurde sie kürzlich zur Vorsitzenden des Programmkomitees ernannt.
    Nun wurde Frau Prof. Spitzweg von der renommierten und weltweit zu den höchstrangigsten Kliniken zählenden Mayo Clinic in Rochester (Minnesota, USA) zur nebenamtlichen Professorin für Innere Medizin ernannt (Academic Appointment als Adjunct Professor of Medicine sowie Research Collaborator Appointment in der Division of Endocrinology, Diabetes, Metabolism and Nutrition im Department of Medicine).
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