Sebastian Kneipps 200-jähriger Geburtstag

    Fünf Säulen für ein gesundes Leben

    Wenn man bedenkt, dass Sebastian Kneipp schon vor zweihundert Jahren geboren wurde, klingt das ganzheitliche Konzept, das er zu Lebzeiten entwickelt hat, heute aktueller denn je, auch wenn sich viele auf seine Wasser- und Kräuteranwendungen beschränken. In Wahrheit hat Kneipp jedoch eine Lebensstrategie entwickelt, die darauf abzielt, die körperliche und die geistige Gesundheit zu stärke — und das tiefgreifend und nachhaltig.

    Von Dr. Nina Schreiber

    »Helfer der Menschheit« wurde Pfarrer Sebastian Kneipp (1821-1897) schon zu Lebzeiten genannt. Heute ist vor allem die Hydrotherapie mit seinem Namen verbunden. Dabei verdanken die Güsse, Bäder und Co. ihre Beliebtheit nicht zuletzt der Tatsache, dass sich ein Großteil der Wasseranwendungen sehr gut zur Selbsthilfe eignet. Viele von ihnen bieten sich als wirksame Heilmethoden an, um gezielt die körpereigenen Abwehrkräfte zu stärken oder Erkältungsbeschwerden zu lindern. »Helfer der Menschheit« wurde Pfarrer Sebastian Kneipp (1821-1897) schon zu Lebzeiten genannt. Heute ist vor allem die Hydrotherapie mit seinem Namen verbunden. Dabei verdanken die Güsse, Bäder und Co. ihre Beliebtheit nicht zuletzt der Tatsache, dass sich ein Großteil der Wasseranwendungen sehr gut zur Selbsthilfe eignet. Viele von ihnen bieten sich als wirksame Heilmethoden an, um gezielt die körpereigenen Abwehrkräfte zu stärken oder Erkältungsbeschwerden zu lindern. 

    Schon im Altertum wurden Wasseranwendungen zu Heilzwecken genutzt. Doch erst Sebastian Kneipp sorgte mit seinem 1886 veröffentlichten Buch »Meine Wasserkuren« dafür, die verschiedenen Wasseranwendungen einer breiten Bevölkerung zugänglich zu machen. Seitdem ist die Kneipp-Therapie eine anerkannte Methode zur Vorbeugung und Behandlung einer Vielzahl von Beschwerden.

    Mehr als hundert Wasseranwendungen

    Kneipps Therapiesystem umfasst mehr als einhundert Wasseranwendungen. Allen gemeinsam ist, dass sie die Selbstheilungskräfte des Körpers so mild wie möglich, aber so stark wie nötig aktivieren, wodurch Heilungsprozesse in Gang gesetzt oder unterstützt werden. Dabei beruhen die Wasseranwendungen auf Kneipps Erkenntnis, dass mehr oder weniger starke Reize, die kaltes, temperiertes oder warmes Wasser auf die Haut ausüben, auf den ganzen Organismus wirken – ein Effekt, der inzwischen wissenschaftlich belegt ist. So weiß man heute, dass z. B. regelmäßige Kalt-/Warmreize eine unspezifische Immunstimulation auslösen, wodurch der Körper weniger anfällig für Infektionen wird. Von schwachen (etwa Waschungen, Unterarm- oder Fußbäder, Wassertreten) über mittelstarke (z. B. Halbbäder, Sitzbäder oder Sauna) bis hin zu sehr starken Reizen (wie Voll-Blitzgüsse und Ganzkörperpackungen, die sich jedoch nicht zur Selbstbehandlung eignen) können Dauer und Intensität der Reize stark variieren. Grundsätzlich gilt: Je größer die Fläche ist, auf die der Reiz wirkt, und je länger die Anwendung dauert, desto stärker ist die Wirkung. Doch hängen die physiologischen Effekte der einzelnen Wasseranwendungen nicht allein von der Wassertemperatur, sondern auch vom Aggregatzustand (Wasser, Dampf, Eis), dem hydrostatischen Druck, dem Wasserauftrieb und Wasserwiderstand ab und können so z. B. einen entspannenden oder belebenden Effekt haben.Generell regen die Kneipp‘schen Wasseranwendungen den Stoffwechsel an, aktivieren die Atmung, regulieren die Hormonproduktion, verbessern die Durchblutung, entspannen die Muskulatur, stabilisieren das Kreislauf- und Nervensystem und stärken insbesondere das Immunsystem. Kurzum: Auch wenn dem Reiz nur Teilbereiche des Körpers ausgesetzt sind, profitieren nicht nur Haut und Bindegewebe, sondern auch die inneren Organe und alle wichtigen Körperfunktionen von der durchblutungsfördernden, stimulierenden und entschlackenden Wirkung der Wasseranwendungen.

    Güsse & Co. für Zuhause

    Waschungen sind die einfachsten und zugleich reizmildesten der Kneippschen Wasseranwendungen. Sie regen die Durchblutung an und stärken das Immunsystem, haben sich aber auch bei Nervosität und Schlaflosigkeit bewährt. Waschungen werden am besten morgens durchgeführt: Ein Waschlappen oder ein grobes Leinentuch wird in kaltes Leitungswasser getaucht und leicht ausgewrungen; dann wird – ohne stärkere Druckausübung – eine bestimmte Körperregion (z. B. Ober- oder Unterköper) befeuchtet, wobei man stets auf der herzfernen, also rechten Körperseite beginnt. Der leichte Feuchtigkeitsfilm, der auf der Haut zurückbleibt, wird nicht abgetrocknet. Wichtig ist, danach für eine gute Aufwärmung des Körpers zu sorgen: Am besten gehen Sie erst einmal wieder für ein paar Minuten ins warme Bett. 
    Wickel werden am besten in entspannter Lage, also etwa auf dem Bett, angelegt. Generell können Wickel an allen Körperteilen verabreicht werden, zur Selbstbehandlung eignen sich jedoch Wadenwickel (zur Fiebersenkung), Arm- (etwa bei örtlichen Venenentzündungen oder rheumatischen Beschwerden), Hals- (z. B. bei Halsschmerzen) und Brustwickel (etwa bei Husten) besonders gut. Wichtig ist die Temperatur: Warme Wickel wirken beruhigend, entspannend und durchblutungsfördernd, wobei sie immer auch die Sauerstoffzufuhr zu den Körperzellen und den Lymphtransport verbessern. Demgegenüber entziehen kalte Wickel dem Körper Wärme und eignen sich daher gut zur Fiebersenkung oder zur Linderung einer akuten Entzündung. Zudem regen kalte Wickel den Kreislauf an.Alle Wickel werden nach dem gleichen Prinzip angelegt. Sie benötigen drei Tücher: ein  Innentuch (aus Leinen oder Frottee), das, je nach Bedarf, in kaltes, warmes oder heißes Wasser getaucht wird und straff um die betroffene Körperpartie gewickelt wird; ein trockenes Zwischentuch (aus Frottee oder Baumwolle), das um das feuchte Innentuch gelegt wird, sowie ein wärmendes Außentuch. Da eine Wickelbehandlung den Kreislauf belasten kann, sollten Sie während der Anwendung (und noch eine Weile danach) möglichst bequem und entspannt liegen.
    Packungen sind Varianten des Wickels, wobei in die Tücher Zusätze gegeben werden, die den Reiz von kaltem oder warmem Wasser unterstützen. Von einer Packung spricht man, wenn mindestens zwei Drittel des Körpers feucht eingepackt sind. Typische Zusätze sind Heilkräuter, Sole (Salz), Fango, Moor, Lehm oder Quark. Eine Packung sollten Sie nur im Bett oder auf einer Liege durchführen. 
    Güsse können z. B. als Schenkel-, Knie- oder Armgüsse erfolgen und werden in der Regel kalt oder wechselwarm durchgeführt. Man unterscheidet zwischen Flachgüssen, bei denen ein Kaltwasserschlauch oder eine Dusche ohne Duschkopf so gehalten wird, dass das Wasser ohne Druck sanft über die Haut läuft, sowie den Blitzgüssen, bei denen das Wasser aus einer speziellen Düse mit hohem Druck und aus einiger Entfernung auf die Haut auftrifft. Zur Selbstanwendung zu Hause sind jedoch nur die Flachgüsse geeignet.

    Die Lebensstrategie des Pfarrer Kneipp

    Neben den Wasseranwendungen stützt sich die Kneipptherapie auf vier weitere Naturheilverfahren, die miteinander kombiniert werden können. Diese sind:

    • Bewegungstherapie: regelmäßige körperliche Aktivitäten im Freien, durch die der Körper widerstandsfähiger wird. 
    • Phytotherapie: Heilkräuter, etwa als Zusatz von Wickeln, Auflagen, Inhalation oder als Heiltees
    • Ernährungstherapie: nährstoffreiche Vollwertkost mit viel frischen, möglichst naturbelassenen Lebensmitteln (z. B. Obst und Gemüse der Saison, Vollkornprodukte)
    • Ordnungstherapie: eine ausgewogene Lebensgestaltung, eine der individuellen Konstitution entsprechende angemessene Balance zwischen Belastung und Entspannung sowie ausreichend Schlaf.

    Bewährte Abhärtungsmittel nach Kneipp

    • Ein kaltes Fußbad: Stellen Sie sich für 15 bis 60 Sekunden in wadenhohes kaltes Wasser (16 bis 18 °C). Danach warme Strümpfe anziehen!n Kaltbäder für die Arme: Sie tauchen die Arme für ca. 30 bis 40 Sekunden in kaltes Wasser (12 bis 18 ° C), z. B. im Waschbecken. Danach sofort für eine Wiedererwärmung der Arme sorgen, etwa indem Sie ein Oberteil mit langen Ärmeln anziehen.
    • Wechselduschen – und das am besten jeden Morgen kurz nach dem Aufstehen. Mit der Brause wird das Wasser erst über Beine und Arme, dann über den Rumpf gespült; dabei immer mit warmem Wasser beginnen und mit einem kalten Guss enden. Achten Sie darauf, dass das Wasser nicht zu kalt ist.
    • Ansteigendes Fußbad: Diese Anwendung ist besonders empfehlenswert, wenn sich eine Erkältung ankündigt: Einen Eimer oder eine Wanne mit warmem Wasser füllen und die Füße eintauchen (bis zur Wadenmitte). Nun ganz langsam heißes Wasser dazu laufen lassen, bis man anfängt zu schwitzen. Anschließend Wollstrümpfe anziehen und sich zum Nachschwitzen ins Bett legen.

    Darauf sollten Sie achten!

    • Da die Kneipp-Therapie auf den gesamten Organismus wirkt, sollten Sie vorab mit einem Arzt besprechen, ob aus seiner Sicht etwas gegen den Einsatz von Wasseranwendungen spricht.
    • Kaltanwendungen dürfen nicht durchgeführt werden, wenn Sie frösteln bzw. wenn Sie kalte Füße oder Hände haben. Es spricht jedoch nichts gegen Warmwasseranwendungen bei einem erhitzten Körper.  
    • Warten Sie nach dem Essen mindestens eine Stunde mit einer Anwendung. 
    • Achten Sie darauf, dass Sie die Anwendungen nicht bei Durchzug durchführen!n Vermeiden Sie nach der Wasseranwendung eine Unterkühlung. So sind z. B. wollene Strümpfe nach einem Fußbad oder das Nachruhen unter einer warmen Decke sinnvoll.
    • Um die Nachwirkung einer Anwendung nicht zu beeinträchtigen, sollten Sie darauf verzichten,  mehrere Anwendungen kurz hintereinander durchzuführen.

     

    Bildnachweis

    Alle Bildnachweise sind am Ende des jeweiligen Artikels zu finden, fürs Cover im Impressum der jeweiligen Druckausgabe.

     

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