Rhizarthrose: Wenn die Hand Hilfe braucht

Einen Stift halten, die Tasten von PC oder Handy bedienen − all das wird mit Dauerschmerzen im Daumen zu einer echten Herausforderung. Da hilft nur eines: den Daumen konsequent zu entlasten und eine perfekt sitzende Daumenorthese zu tragen. 

Von Dr. Nicole Schaenzler

Rhizarthrose: Wenn die Hand Hilfe braucht

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Zugegeben, fest sitzende Schraubverschlüsse zu öffnen, gehörte noch nie zu meinen Stärken. Aber während früher meist die nötige Kraft fehlte, ist es nun ein heftiges Stechen rund um meinen linken Daumenballen, das es mir unmöglich macht, Flaschen oder Gläser aufzubekommen. Die Drehbewegungen sind nicht die einzigen Auslöser für die Schmerzen. Knöpfe öffnen, die Leertaste der Computertastatur bedienen, WhatsApp-Nachrichten ins Handy tippen – schon bald gibt es nur noch wenige Handgriffe, die nicht weh tun. Und auch nachts sticht und brennt es immer häufiger im Bereich zwischen Daumenwurzel und Handgelenk. Ich sehe ein, dass die Schmerzen nicht mehr von selbst verschwinden werden – und mache einen Termin beim Orthopäden aus. 

Die Form eines Sattels

Nach eingehender Untersuchung mit Anamnese, Abtasten, Bewegungstest und Röntgen steht fest: Die Beschwerden gehen vom Daumensattelgelenk aus – es hat sich eine Rhizarthrose entwickelt.Daumensattelgelenk? Rhizarthrose? Ich frage und lese nach. Und erfahre: Dass der Daumen so beweglich und damit kongenialer Gegenspieler der Finger bei nahezu sämtlichen Handbewegungen ist, verdankt er dem Daumensattelgelenk. Ein kleines, nahe dem Handgelenk platziertes Gelenk, das den ersten Mittelhandknochen mit dem Vieleckbein (Os trapezium) des Handwurzelknochens verbindet. 

Frauen sind besonders oft betroffen

Der Name »Daumensattelgelenk« geht auf seine Form zurück, die an einen Sattel mit zwei einander gegenübergestellten sattelförmigen Gelenkflächen erinnert. Wie bei allen Gelenken kann der Knorpel, der diese Gelenkflächen überzieht, abnutzen. Ein ausgeprägter Verschleiß hat eine  behandlungsbedürftige Arthrose zur Folge, die in diesem Fall Rhizarthrose (griech. Rhiz = Wurzel, arthros = Gelenk) genannt wird. Von der Erkrankung sind besonders oft Frauen betroffen – zehn bis 15 Mal häufiger als Männer. Typisch für eine Rhizarthrose ist, dass sie eine ausgeprägte entzündliche Komponente hat, deshalb sind akute Schmerzepisoden häufig. Doch kann die Gelenkerkrankung nicht nur sehr schmerzhaft sein, sondern auch bleibende Funktionseinbußen zur Folge haben – bis hin zum Schwund der Daumenmuskulatur und einem damit einhergehenden Kraftverlust, der im Extremfall dazu führt, dass man keine Gegenstände mehr festhalten kann. Tatsächlich gehört ein chronischer Verlauf zum Wesen einer Rhizarthrose: Schreitet der Knorpelverlust weiter fort, reibt schließlich Knochen auf Knochen, der Daumen ist nun kaum mehr funktionsfähig. 

Frühzeitige Behandlung ist wichtig

Umso wichtiger ist eine frühzeitige Behandlung: Rechtzeitig gegengesteuert, lassen sich schwere Folgeschäden oft vermeiden. Deshalb verordnet mir der Orthopäde eine Daumenorthese und schickt mich auf Nachfrage zu Orthoforum Orthopädietechnik. Die Orthese soll individuell nach Maß gefertigt werden: Nur so ist gewährleistet, dass sie auch wirklich richtig sitzt, also an den entscheidenden Stellen stabilisiert und entlastet, indem sie z. B. die  Krafteinwirkung auf das Daumensattelgelenk minimiert. Doch hat die Orthese auch eine korrigierende Funktion. Denn mit ihrer Hilfe wird der Mittelhandknochen, der durch die arthrotischen Veränderungen des Daumensattelgelenks nun in Richtung Mittelhand abweicht, reponiert und so die physiologische Oppositionsstellung des Daumens zu den Fingern wiederhergestellt. »Dadurch erhält die Hand ihre Funktion zurück«, erklärt Orthopädietechnikermeister Franz Scherzl.Jetzt, ein Jahr später, ist  die handgefertigte Daumenorthese aus Niedertemperatur-Thermoplast aus meinem Alltag nicht mehr wegzudenken. Die Arbeit am PC, Radfahren, die Handytastatur bedienen, Alltagstätigkeiten wie das Öffnen von Flaschen oder das Greifen der Kaffeetasse – mit der Daumenorthese sind Handgriffe und -bewegungen wieder schmerzfrei möglich. Ich trage sie nicht 24 Stunden am Tag. Aber ich habe mir angewöhnt, die Orthese immer dann anzulegen, wenn dem Daumensattelgelenk eine größere Belastung droht oder sich wieder Schmerzen bemerkbar machen – die haben sich jedoch glücklicherweise rar gemacht.

Schritt für Schritt zur individuellen Daumenorthese

Wann empfiehlt der Arzt, eine Daumenorthese zu tragen?

Herr Scherzl: Ein häufiger Grund ist z. B. eine Verletzung am Kapsel-Band-Apparat des Daumens, etwa ein Riss des ellenseitigen (ulnaren) Seitenbands am Daumengrundgelenk, auch als Skidaumen bekannt. Hier leistet eine Daumenorthese wertvolle Dienste, indem sie für die nötige Stabilisierung sorgt. Oder, wenn der chirurgische Einsatz einer Bandplastik notwendig ist, sichert sie das Operationsergebnis durch eine gezielte Ruhigstellung und trägt so wesentlich zur Förderung des Heilungsprozesses bei. In diesem Fall verordnet der Arzt häufig eine Daumenorthese, die individuell angepasst ist. Bei chronischen Krankheitsbildern wie einer Rhizarthrose ist der Behandlungsansatz ein etwas anderer. Dieser Krankheit liegt ein fortschreitender degenerativer Prozess zugrunde, ohne dass Aussicht auf eine Heilung besteht. Durch das Tragen einer Daumenorthese kann es jedoch gelingen, die Schmerzen zu lindern, die Beweglichkeit des Daumens zu verbessern und damit oft auch die Handfunktion wiederherzustellen.

Ist die Rhizarthrose eine Indikation für eine maßgefertigte Daumenorthese?

Herr Scherzl: Ja, denn eine maßgefertigte Daumenorthese ist genau auf die anatomischen Gegebenheiten des Daumens wie auf die Begleiterscheinungen der Rhizarthrose abgestimmt — dies vermag ein konfektioniertes Modell kaum zu leisten. Dass die Daumenorthese individuell genau passt, ist jedoch wichtig, um das Daumensattelgelenk in seine physiologische Position zu reponieren. Erst dann sind die Voraussetzungen nicht nur für weniger Schmerzen, sondern auch für eine verbesserte Beweglichkeit gegeben. Die Erfahrung zeigt, dass sich eine solche Funktionsverbesserung am besten mit einer individuell angefertigten Daumenorthose erreichen lässt. 

Die 3D-Drucktechnologie ist im medizinischen Bereich weltweit auf dem Vormarsch. Ist die neue Technologie auch schon eine Option für die Anfertigung von Daumenorthesen?

Herr Scherzl: Auf jeden Fall, wir selbst bieten bereits seit einiger Zeit maßgefertigte Orthesen an, die im 3D-Drucker entstanden sind — und wir haben gute Erfahrungen damit gemacht. Hierfür arbeiten wir mit einem deutschen Unternehmen zusammen, das sich auf die Herstellung von individuellen Hilfsmitteln mittels 3D-Druck spezialisiert hat. Meiner Meinung nach hat die neue Technologie das Potenzial, das Versorgungsspektrum der Orthopädietechnik gerade im Bereich der maßgefertigten Orthesen optimal zu ergänzen. Noch ist das 3D-Verfahren jedoch nicht im Hilfsmittelkatalog der Gesetzlichen Krankenkassen gelistet.  


Franz Scherzl ist Geschäftsführender Gesellschafter der Orthoforum Orthopädietechnik in München-Perlach.